25.11.2011 Hintergrundgespräch: Wie tickt man in Mitteldeutschland?
Welche Trends prägen das Denken und Fühlen der Menschen in
Ostdeutschland, speziell im mitteldeutschen Raum? Irritation löst schon
der Terminus „Mitteldeutschland“ aus, besonders aus westdeutscher
Perspektive, wenn er als politisch-geographischer Begriff
(miss)verstanden wird und einen Anspruch auf etwaige ostdeutsche Gebiete
auf dem Territorium Polens insinuiert. Doch wird „mitteldeutsch“
selbstverständlich ohne diese Konnotation für ein kulturgeschichtlich
reiches Gebiet gebraucht, das durch die Bundesländer Sachsen, Thüringen
und Sachsen-Anhalt definiert wird. Die Selbstverständlichkeit dieser
Bezeichnung zeigt sich allein z.B. in Namen der Sendeanstalt dieser
Länder, dem Mitteldeutschen Rundfunk. Doch ist es über zwanzig Jahre
nach dem friedlichen Umbruch noch adäquat, nach einer spezifisch ost-
oder mitteldeutschen Identität zu fragen, oder ist es nicht langsam an
der Zeit, die Ost-West-Kategorie ad acta zu legen und darauf zu
vertrauen, dass sich die Unterschiede zwischen den „alten“ und den
„neuen“ Bundesländern mit zunehmender Zeit einfach verschleifen?
Mit dieser Fragestellung befasste sich ein Hintergrundgespräch, das
die Katholische Arbeitsstelle für missionarische Pastoral in
Zusammenarbeit mit den Katholischen Akademien der Bistümer Magdeburg,
Erfurt und Dresden-Meißen am 25. November 2011 im neoklassizistischen
Ambiente der Leipziger Volkshochschule veranstaltete. Dazu wurden
insgesamt 50 Teilnehmende aus dem kirchlichen Bereich der drei Bistümer
und aus dem Kulturbereich zusammengebracht, um gemeinsam die
gesellschaftlichen und kulturellen Prägungen der Menschen im
mitteldeutschen Raum in den Blick zu nehmen.
In den verschiedenen
Statements und Diskussionsbeiträgen wurde deutlich, dass man nicht
einfach von dem mitteldeutschen Raum sprechen kann. Wohl aber prägt
diesen Raum der Schatz vieler europäisch bedeutsamer kultureller
Traditionen oder die Besonderheit des eher kleinteilig strukturierten
Raumes, dem eine urban-metropolitane Struktur fehlt. Soziologisch sind
durchaus Charakteristika der Menschen in Mitteldeutschland
festzustellen, etwa eine hohe Heimatverbundenheit; die regionale
Identität ist hier durchweg stärker ausgeprägt als in Westdeutschland.
Insgesamt gilt für die ostdeutsche Bevölkerung, dass sich ihre
Identität oftmals durch Abgrenzung definiert: Man fühlt sich häufig als
Bürger zweiter Klasse, ohne dass man die Zustände der DDR wieder
zurückwünschte. Weithin bekannt ist auch, dass Ost- und Westdeutschland
in religiöser Hinsicht als ganz verschiedene Bereiche angesehen werden
müssen (und dies wohl auch in Zukunft so bleiben wird) – so etwa stehen
drei Viertel Konfessionslose hier einem Sechstel Konfessionslosen dort
gegenüber.
Keine Einigkeit bestand allerdings in der Frage, ob es
eine spezifische ostdeutsche Identität gibt bzw. ob der Diskurs darüber
zu fördern wäre. Letzteres wurde vehement von der aus Leipzig stammenden
Schriftstellerin Jana Hensel gefordert. Sie stellte fest, dass es
gerade in ihrer Generation, die die Umbruchszeit als Kinder bzw.
Jugendliche erlebt hat, oft eine Sprach- und Ortlosigkeit gibt, wenn es
um die Beschreibung der eigenen Identität geht; man misstraut
gewissermaßen seiner eigenen ostdeutschen Identität. Angesichts eines
immer noch zu beobachtenden Ungleichgewichts im gesamtdeutschen Diskurs
plädierte sie für eine Verstärkung des innerostdeutschen Dialogs.
Dessen
Notwendigkeit wird noch einmal bedrückend deutlich durch eine aktuelle
Erfahrung, die Hensel schilderte: Sie beschrieb ihre Reaktion auf das
Bekanntwerden der Neonazimorde durch Täter aus dem Jenaer Raum als zwar
sehr schockiert, jedoch nicht überrascht; es wäre eher zu fragen, warum
es nicht noch öfter zu solch brutalen und radikalen Taten gekommen ist.
Das Erschreckende ist, dass Hensel nur einen schmalen Grad zwischen sich
selbst und den Tätern ausmacht, insofern sie die heutigen Täter als in
den 90er Jahren nicht weit von sich selbst entfernt sieht.
In der
Diskussion wurde dafür plädiert, die ostdeutsche Bevölkerung nicht als
solche zu psychopathologisieren und auch von einer Optik des ‚noch
nicht’ wegzukommen, sondern sich vielmehr der eigenen Stärken bewusst zu
werden. Keine wirkliche Antwort fand allerdings die Frage, welche Rolle
die Kirche(n) angesichts dieser Analysen spielen sollte und welche
Leistungen von ihr erwartet werden. Es ist noch nicht einmal klar, ob
die Kirchen tatsächlich adäquate Akteure in diesem Konglomerat sein
können oder ob es nicht auch eine Anmaßung darstellt, sich hier als
Gesprächspartner anzubieten. Schaut man auf die derzeitigen Skandale des
Missbrauchs im kirchlichen Feld, so erscheint die Kirche weniger als
Lösungslieferant, sondern als Teil des Problems.
Auf jeden Fall gilt es in dieser Situation, aufmerksam zuzuhören,
ohne sofort mit schnellen Antworten aufzuwarten (dass dies die bei der
Veranstaltung anwesenden Bischöfe der drei beteiligten Bistümer getan
haben, verdient wegen seiner Nichtselbstverständlichkeit der Erwähnung).
Eine mögliche Fortsetzung dieser von vielen Seiten als bereichernd
bezeichneten Veranstaltungsform wird sich sicherlich mit dieser Frage
beschäftigen müssen, welche Herausforderungen sich für die Kirchen aus
den aktuellen gesellschaftlichen und mentalitätsmäßigen Strömungen des
Raumes ergeben, in dem man situiert ist. Wie kann Kirche in diesem
Kontext ihre Botschaft verkünden?
Die Beiträge dieser Veranstaltung werden voraussichtlich in euangel Heft 2/2012 dokumentiert. Ein Bericht von Ulrich Ruh zu dieser Tagung findet sich in Heft 1 der Herder Korrespondenz, Jg. 66 (2012), S. 6.


