Nachrichtenarchiv
2011/07
Weltanschauungsbeauftragte der Bistümer tagten in Erfurt
Säkularisierung und gleichzeitig „Wiederkehr“ des Religiösen in pluraler Form: Das ist für die Kirchen eine große Herausforderung, die sich z. B. auch in den Anfragen an das Staat-Kirche-Verhältnis und den Angriffen von Atheisten und säkularen Humanisten auf Religiöses überhaupt niederschlägt. Dieser Herausforderung stellte sich die Arbeitstagung der katholischen Weltanschauungsbeauftragten, zu der vom 21. bis 23. März 2011 über 30 Kolleginnen und Kollegen in Erfurt zusammenkamen.
Anfragen und Herausforderungen an das Staat-Kirche-Verhältnis ja, aber zumindest derzeit kein grundlegender Umbruch: So das Fazit des Vortrags von Heiner B. Lendermann vom Katholischen Büro, das für die Kirche den Kontakt zum politischen Berlin und anderen gesellschaftlichen Kräften hält. Kirchliche Positionen würden nach wie vor sehr ernst genommen, aber mehr als bisher komme es auf die Qualität der eigenen Argumentation an, um im politischen Getriebe Gehör zu finden.
Und dennoch: Entkirchlichung und religiöse Pluralisierung seien unübersehbare Trends unserer Zeit, so der Münsteraner Religionssoziologe Detlef Pollack, der am zweiten Tag den Teilnehmern ausführlich Rede und Antwort stand. Freilich – so seine Beobachtung – fällt es den Kirchen noch schwer, die Lage realistisch und ungeschönt wahrzunehmen. Aber auch wenn kirchliche Themen verstärkt Aufmerksamkeit in den Medien finden, bedeutet das nicht unbedingt, dass damit auch der Glaube an persönlicher Relevanz für die einzelnen Menschen gewinnt. Dabei sind es aus soziologischer Sicht nicht einmal so sehr hausgemachte Fehler, die zu Kirchenaustritten führen (wenngleich sich die Missbrauchsskandale massiv auf die Statistik niederschlagen); vielmehr lockern Kontextfaktoren wie steigender Wohlstand, Individualisierung und kultureller Pluralismus langfristig die Kirchenbindung. Speziell für Deutschland ist eine deutliche Zweiteilung festzustellen: Während des Christentum im Westen nach wie vor stark gesellschaftlich verankert ist, reproduziere sich im Osten über die Generationen hinweg die Konfessionslosigkeit.
Zum Abschluss der Tagung kam mit Horst Groschopp, dem ehemaligen Präsidenten des HVD (Humanistischer Verband Deutschlands), ein Vertreter aus dem dezidiert atheistisch-humanistischen Spektrum, zum Gespräch. Obwohl sie nur wenige Tausend Mitglieder haben, erregen Organisationen wie der HVD oder die Giordano-Bruno-Stiftung seit einigen Jahren mit ihren religions-/kirchenfeindlichen Positionen einige Aufmerksamkeit und versuchen, religionsfreie Sinn- und Lebensentwürfe zu entwickeln. Speziell der HVD konnte sich v. a. in Berlin mit Kindertagesstätten, schulischem Lebenskundeunterricht und anderen sozialen Einrichtungen mittlerweile in bemerkenswerter Weise gesellschaftlich positionieren. Der HVD ist anerkannte Weltanschauungsgemeinschaft; wie diese humanistische Weltanschauung aber genau bestimmt ist und ob der HVD damit eine größere Zahl an Konfessionslosen vertritt, sind nur einige der Fragen, die die Tagungsteilnehmer diskutierten.
Neben der intensiven inhaltlichen Arbeit bot der Aufenthalt in Erfurt auch die Gelegenheit, die hier beheimatete KAMP kennenzulernen, in die ja auch das Referat für Sekten- und Weltanschauungsfragen auf Bundesebene eingegliedert ist. So nahmen nicht nur einige Referenten der KAMP an der Tagung teil, sondern es gab auch eine Führung, verbunden mit einem kleinen Empfang, im Gebäude der Arbeitsstelle.
Martin Hochholzer
(v.l.n.r.: Axel Seegers, Prof. Dr. Detlef Pollack, Dr. Hubertus Schönemann)


